Wenn ich an die Mansions von Newport denke, fällt mir unvermittelt König Ludwig ein: Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof. Prunkvolle Gebäude, vergoldete Einrichtungsgegenstände, Spiegel, Freitreppen, Ballsäle, versteckte Dienstbotengänge, die ersten Telefone.
Und tatsächlich entstanden die Newport Mansions und Schloss Neuschwanstein fast zur selben Zeit.
Nur entsprangen die Villen von Newport nicht der Fantasie eines Märchenkönigs. Sie waren die steingewordenen Vorstellungen amerikanischer Superreicher davon, wie Reichtum aussehen sollte. Das ist vermutlich auch der Grund, warum sie fertig gebaut wurden. Im Gegensatz zu Neuschwanstein.
In Newport war der Prunk kein Fluchtpunkt eines Königs, der sich aus der politischen Wirklichkeit zurückzog. Er war selbst Teil einer modernen kapitalistischen Wirklichkeit. Industrielle, Eisenbahnmagnaten und Erben großer Vermögen bauten sich dort Sommerhäuser, die aussahen wie französische Schlösser, italienische Renaissancepaläste oder englische Herrenhäuser.
„Sommerhäuser“ ist dabei ein erstaunlich bescheidenes Wort.
Die Mansions sollten nicht einfach schön oder bequem sein. Sie sollten etwas beweisen: natürlich, dass Geld vorhanden war. Aber auch Geschmack, Bildung und Herkunft – oder wenigstens die Fähigkeit, Herkunft überzeugend zu inszenieren.
Wer keine lange Geschichte besitzt, kann versuchen, sich eine einzurichten. Aus Geld sollte Geschichte werden, aus wirtschaftlichem Erfolg gesellschaftliche Legitimität und aus einem Sommerhaus ein Palast. Vielleicht ist das auch der Punkt, an dem Newport und König Ludwig einander wieder näherkommen. Beide wollten nicht einfach bauen. Sie wollten Wirklichkeit in ein Bild verwandeln.
Nur war das Bild in Newport wirtschaftlich besser abgesichert.
Meine Instagram-Blase
Immer wieder lande ich auf Instagram in einer Blase, in deren Zentrum amerikanisches Interior Design steht.
Natürlich ist das kein wissenschaftliches Sample. Algorithmen zeigen einem nicht die Welt. Sie zeigen einem, was einen lange genug hinschauen lässt. Was ich dort sehe, ist trotzdem auffällig: Farben, dunkles Holz, Einlegearbeiten, Stuck, gemusterte Tapeten, schwere Möbel, farbige Fliesen, tiefe Teppiche, Vitrinen und Nippes.
Natürlich ist auch das eine Karikatur.
Trotzdem scheint der Kontrast zu existieren: Mar-a-Lago gegen Bauhaus. Vergoldete Armlehne gegen Le-Corbusier-Sessel. Dunkelgrüne Holzvertäfelung gegen weiße Wand. Stuck gegen Sichtbeton.
Zwei Arten, reich auszusehen
In Teilen der amerikanischen Wohnkultur wird Wohlstand durch Fülle ausgedrückt: durch Material, sichtbaren Aufwand und Dinge, die teuer aussehen und möglichst nicht so wirken, als seien sie schnell zu erklären. Holz soll nach Handwerk aussehen. Stoffe sollen schwer fallen. Ornamente sollen zeigen, dass jemand Zeit, Geld und Aufmerksamkeit investiert hat – auch wenn sich dahinter Holzrahmen, Gipskarton und industriell gefertigte Zierelemente verbergen.
Die europäische Moderne entwickelte dazu einen fast gegenteiligen Ausdruck: weiße Wände, klare Linien, wenig Möbel, keine Ornamente, Materialien, die sich nicht verkleiden. Auch Sichtbeton ist deshalb nicht neutral. Er trägt eine Idee in sich.
Der vergoldete Sessel sagt: „Ich kann mir Überfluss leisten.“
Der Sichtbeton sagt: „Ich habe Überfluss nicht nötig.“
Gekaufte Vergangenheit
Vielleicht liegt ein weiterer Unterschied im Verhältnis zur Geschichte.
In Europa ist Geschichte oft einfach da. Sie steht im Stadtbild, in Kirchen, Rathäusern, Bürgerhäusern und Schlössern. Man kann sie bewahren, umbauen, bekämpfen oder ignorieren, aber man muss sie nicht erst erfinden.
In den Vereinigten Staaten war Geschichte häufiger etwas, das sichtbar hergestellt werden musste.
Das gilt nicht für das ganze Land und nicht für jede Epoche. Aber bei den Newport Mansions ist es kaum zu übersehen. Dort wurde europäische Vergangenheit importiert, zitiert und neu zusammengesetzt: ein französischer Salon hier, ein italienischer Innenhof dort, ein englischer Kamin, ein antikes Motiv, ein Gobelin mit Herkunft.
Wer durch diese Häuser ging, sollte nicht nur Geld sehen. Er sollte Kontinuität sehen.
Die Botschaft lautete nicht: „Wir sind gerade reich geworden.“ Sondern: „Wir gehören schon immer hierher.“
Vielleicht lebt ein Rest dieser Logik bis heute fort. Historisierende Formen vermitteln nicht nur Behaglichkeit. Sie vermitteln Rang. Ein Raum mit Paneelen, Kassettendecke und schwerem Mobiliar wirkt, als habe er Vergangenheit – selbst wenn das Haus erst vor drei Jahren gebaut wurde.
Die europäische Moderne reagierte darauf mit Misstrauen. Die neue Architektur wollte nicht so tun, als sei sie alt. Sie wollte beweisen, dass sie neu war.
Und was ist nun schöner?
Die Frage führt vermutlich nicht weit.
Angie und ich mögen das Konzept der europäischen Moderne: Licht, Klarheit, gute Materialien, wenig Ablenkung. Auch in unserem eigenen Haus versuchen wir, uns daran zu orientieren. Nur zum Sichtbeton haben wir uns nie durchringen können.
Am Ende geht es auch gar nicht darum, welche Seite den besseren Geschmack hat.
Interessant ist, was jeweils gezeigt werden soll. In Newport sollte der Prunk Herkunft erzeugen. Im Bauhaus sollen Form, Funktion und Disziplin eine Vorstellung von der Zukunft transportieren.
Aber auch Sichtbeton ist keine Abwesenheit von Inszenierung. Er ist nur die elegantere Behauptung, man habe sie nicht nötig.
