Eine Zeit lang schien der Union Lido entschlossen, das schönste Sanitärgebäude der Welt zu bauen. Der Höhepunkt ist das W15.

Toiletten sind dort keine kleinen Kabinen mehr, sondern hohe Räume. Ausschließlich Einzelkabinen, aufwendige Gestaltung, große National-Geographic-Karten als Dekoration. Ein Waschhaus, bei dem jemand lange über Architektur nachgedacht hatte.

Es sieht großartig aus – zumindest für eine Sanitäranlage.

Nur aufs Klo kommt man schlechter. Oder unter die Dusche.

Die einzelnen Räume brauchen Platz. Also gibt es weniger davon. Vor den Toiletten steht man Schlange. Die aufwendigen Kabinen und die Designerarmaturen sind schwieriger sauber zu halten. Ausgerechnet eines der schönsten Waschhäuser des Platzes wirkt manchmal weniger gepflegt als die einfacheren.

Das W15 steht noch. Aber die später renovierten Sanitäranlagen sind anders: ebenfalls moderner als ihre weiß gekachelten Vorgänger, mit warmen Farben und Marmor. Immer noch gestaltet, nur wieder mit mehr Kapazität. Teilweise wurden Waschhäuser sogar erweitert.

Ob das eine bewusste Abkehr vom W15 war, wissen wir nicht. Aber eine sehr schöne Idee muss nicht automatisch eine sehr gute sein.

Bloß nichts kaputtmachen

Ein schlechter Campingplatz hat ein einfaches Problem: Er muss besser werden.

Ein erfolgreicher Campingplatz hat ein schwierigeres Problem: Er muss besser werden, obwohl seine Kunden gerade deshalb wiederkommen, weil sie ihn mögen, wie er ist.

Beim Union Lido kommt hinzu, dass viele dieser Kunden seit Jahren oder Jahrzehnten wiederkommen. Jede Veränderung trifft auf Menschen, die ziemlich genau wissen, wie es vorher war. Wir gehören dazu.

Seit etwa 25 Jahren fahren wir hierher. Wir wissen noch, wo die Pista Verde war, wie viele Grillplätze es gab und wann Fahrräder auf großen Teilen des Platzes geschoben werden mussten. Und wir wissen noch ziemlich genau, was los war, als das Dog Camp angekündigt wurde.

Hunde waren bis dahin nicht nur unerwünscht. Keine Hunde gehörte zum Konzept. Nun sollte ausgerechnet dort, wo wir am Strand gerne unsere Decke ausbreiteten, künftig der Hundestrand entstehen.

Die Aufregung auf dem Platz war beträchtlich. Der Strand würde kleiner. Hunde würden überall herumlaufen. Was war mit den Kindern? Was mit aggressiven Hunden? Warum musste man ein Konzept ändern, das doch offensichtlich funktionierte?

Wir waren nicht viel gelassener.

2015 kam das Dog Camp trotzdem. Allerdings kamen die Hunde und ihre Besitzerinnen und Besitzer nicht einfach auf den Union Lido. Sie bekamen einen eigenen Bereich: eigene Stellplätze und Unterkünfte, einen eigenen Strand, Pools, Auslauf, Training und Betreuung.

Im ersten Jahr war die Umstellung tatsächlich spürbar. Unser alter Platz am Strand fehlte. Nicht jeder Hund war angenehm. Dann pendelte es sich ein.

Heute gehen selbst wir gelegentlich gerne ins Dog Camp. Manchmal bleiben wir am Pool stehen und schauen den Hunden beim Schwimmen zu. Unser Lieblingsrestaurant auf dem Union Lido liegt inzwischen dort. Und am Strand liegt unsere Decke genau am Rand des Hundebereichs.

Wirtschaftlich wurde das Dog Camp ein Erfolg.

Schon 1955

Neu ist das nicht.

1955 eröffnete der Platz als NSU Lido. Tatsächlich jene NSU, die Motorräder und Autos baute und später über Auto Union Teil der Audi-Geschichte wurde.

NSU suchte Anfang der 1950er Jahre nach einer Möglichkeit, Mitarbeitern und Motorradfahrern Urlaub in Italien zu ermöglichen. Die italienischen Importeure Angelo Macola und Ignazio Vok entwickelten daraus gemeinsam mit einem Campingexperten des ADAC einen Campingplatz an der Adria.

Schon dieser erste Platz sollte mehr sein als eine Wiese am Meer: Warmwasser, Gastronomie, Erste Hilfe, Strom, Schatten. Später kamen Hotel, Bungalows, noch mehr Bungalows und Sportanlagen hinzu.

Komfort ist beim Union Lido keine spätere Erfindung. Er gehört zur Gründungsidee.

Der Platz wurde weitergebaut. Wasserparks, neue Unterkunftsformen, Wellness, größere Stellplätze, Privatbäder. 1994 gehörte Union Lido zu den drei Gründungsplätzen der LeadingCampings of Europe. 2015 wurde er als erster Campingplatz Italiens mit fünf Sternen klassifiziert.

Nicht alles blieb. Das ist der wichtigere Teil der Geschichte.

Weniger Stellplätze, mehr Potenzial

Der Union Lido umfasst heute rund 60 Hektar und mehr als 2.500 Stellplätze. Viel Fläche kommt nicht mehr dazu.

Also wurden Stellplätze abgeschafft.

Ja, abgeschafft.

Nicht alle natürlich. Aber ihre Zahl wurde reduziert, um andere größer zu machen. Manche Parzellen haben inzwischen 160 oder 200 Quadratmeter. Dazu kommen manchmal eigene Badezimmer.

Der Geschäftsführer wurde einmal gefragt, was er bei unbegrenztem Budget und zusätzlichem Land tun würde. Seine Antwort: nicht mehr Gäste aufnehmen. Mehr Platz für die vorhandenen Gäste.

Das scheinbare Paradox ist einfach: Wachstum muss nicht heißen, immer mehr Menschen auf derselben Fläche unterzubringen.

Ein größerer Stellplatz kann mehr wert sein als zwei kleine. Ein Mobilheim ist ein anderes Produkt als eine Parzelle. Ein eigenes Bad verändert noch einmal, wofür Gäste zu zahlen bereit sind. Wer heute jeden Quadratmeter belegt, hat morgen keinen mehr, mit dem er etwas Neues anfangen kann.

Der klassische Wohnwagen zwischen den Bäumen ist trotzdem nicht verschwunden. Er hat nur Gesellschaft bekommen. Oder mehr Platz.

Wie machen wir das dieses Jahr?

Manche Experimente sind weniger spektakulär. Zum Beispiel die Stellplatzregistrierung.

Ganz früher gab es praktisch nichts zu registrieren. Reservieren konnte man ohnehin nicht. Man fuhr hinein, suchte sich einen Platz und blieb dort. Später suchte man sich den Platz selbst und registrierte ihn an fest installierten Stationen. Dann über die App.

In diesem Jahr bekamen wir beim Check-in einen Platz zugeteilt. Wechseln konnte man weiterhin, nur musste man es anschließend melden.

Vielleicht wurde die Auslastung besser. Vielleicht der Verkehr auf dem Platz. Vielleicht die Planung. Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur, dass das Verfahren erstaunlich oft wechselt. Wie so manches Detail auf diesem Platz. Man kann nach 25 Jahren jeden Weg auf einem Campingplatz kennen und trotzdem nicht sicher sein, wie man dieses Jahr seinen Stellplatz bekommt.

Drei Monate

Neben der Fläche ist noch etwas knapp: Zeit.

Der Union Lido öffnet mittlerweile im April. Dieses Jahr waren wir eine Woche vor den Pfingstferien dort. Der Platz war leerer als leer. Dann begannen die Ferien. Wenige Tage später war er fast voll.

Geöffnet ist nicht dasselbe wie Saison.

Cavallino-Treporti gehört zu den am stärksten saisonal geprägten Tourismusorten Venetiens. Ein großer Teil der lokalen Wirtschaft hängt am Sommer: Campingplätze, Restaurants, Geschäfte, Reinigung, Fahrradverleiher, Handwerker, Gärtner.

Ein erheblicher Teil des Jahresumsatzes muss in wenigen Monaten verdient werden.

Das ist eine merkwürdige Parallelwelt. Wir sitzen vor dem Wohnwagen und versuchen, nicht auf die Uhr zu schauen. Hinter den Kulissen ist jeder gut ausgelastete Tag kostbar.

Vor- und Nachsaison werden wichtiger. Saisonverträge werden länger. Gäste, die nicht auf Schulferien angewiesen sind, ebenfalls. Aber ein Sommer lässt sich nicht beliebig verlängern.

Irgendwann wird es an der Adria Herbst.

Ohne Meer

Die nächste Versuchsanordnung liegt deshalb nicht mehr am Meer.

Anfang 2027 eröffnet Union Lido Terme in Montegrotto. Ganzjährig. Mit Thermalbecken, Mobilheimen, Stellplätzen mit eigenem Bad und teilweise sogar eigenem Thermalpool.

Auf dem Papier löst das ein Problem: Thermalwasser funktioniert auch im Januar. Ob Camping in der Po-Ebene im Januar funktioniert, ist eine andere Frage.

Im Winter ist es dort oft grau, feucht und kühl. Ein eigener Thermalpool hilft. Aber auch nach dem Baden bleibt man Gast eines Open-Air-Resorts.

Vielleicht funktioniert genau das.

Was bleibt vom Union Lido, wenn der Sommer fehlt? Was bleibt, wenn das Meer fehlt?

Das lässt sich schlecht am Schreibtisch herausfinden.