Fast jeder zweite Tag am Union Lido beginnt für uns gleich.

Wir stehen früh auf und trinken den ersten Kaffee am Wohnwagen. Nespresso und heiße Milch, schnell und unkompliziert. Dann Laufklamotten, Mütze, Brille, Schuhe – und los.

Zuerst an der Promenade des Union Lido entlang, dann am Strand Richtung Westen. Am Corso Italia scharf links zur Via Fausta, dort wieder links, dann rechts über die Felder und vorbei an Gewächshäusern bis an den Rand der Lagunenlandschaft an der Via Pordelio. Schließlich die schnurgerade Via della Fonte, wieder zur Via Fausta.

Die letzten Meter laufen wir meistens etwas schneller.

Nicht weil das Training es verlangt. Sondern weil am Ende Vianello wartet.

Genauer: Panificio Vianello.

Die letzten Meter gehen wir. Wir besprechen, wie viele Semmeln wir heute brauchen. Drei, fünf, sieben? Das hängt davon ab, wer gerade mit uns auf dem Campingplatz ist und was wir mittags und am Abend vorhaben.

Wenn wir ankommen, wird in der Backstube nebenan schon aufgeräumt und gekehrt. Wir halten uns für Frühaufsteher. Andere Menschen sind zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Arbeit fast fertig.

Ich gehe verschwitzt in die Bäckerei und Bar. Angie nimmt draußen schon unseren Platz an einem der Hochtische mit zwei Stühlen.

An Tagen, an denen wir nicht laufen, kommen wir meistens mit dem Fahrrad. Der Rest bleibt gleich.

An der Theke bestelle ich Zoccoli oder Tartarughe. Semmeln. Das Brot wird gewogen und an einer eigenen Kasse bezahlt. An der anderen bestellt man den Kaffee.

Due cappuccini. Ein Pane con Uve für mich. Eine Brioche für Angie, vuota.

Brioche heißt in großen Teilen Italiens auch das, was wir Croissant nennen würden. Vuota heißt: leer. Ohne Creme, Marmelade oder Schokolade.

Auf der anderen Seite der Theke werden die Cappuccini gemacht. Kein Muster im Milchschaum, keine Bohnenphilosophie, keine Auswahl zwischen fünf Milchsorten. Einfach Kaffee und perfekt geschäumte Milch. Zu Al-Banco-Preisen. Ein Cappuccino kostet um die zwei Euro.

Ich dränge mich ein wenig zwischen den Menschen hindurch, die dort ihren Caffè im Stehen trinken, nehme das Tablett und die Tüte mit den Semmeln und gehe wieder nach draußen.

Dann sitzen wir da.

Vor uns der Parkplatz und die Via Fausta. Kein schöner Platz im klassischen Sinn. Kein besonderer Blick. Autos kommen und fahren wieder. Lieferwagen halten kurz. Fahrräder stehen im Ständer oder lehnen irgendwo.

Wir sitzen da, frühstücken und schauen.

Da ist die schlanke ältere Frau mit schwarzen Haaren und Rock, die fast jeden Morgen kommt und meistens lange bleibt. Der Gärtner im grünen T-Shirt, den wir vom Campingplatz kennen und seit Jahren auch hier sehen. Ein junger Bademeister trinkt seinen Kaffee meistens vor dem Fenster und schaut dabei auf sein Handy.

Zwei Männer mit Krawatte steigen aus einem Mercedes, gehen hinein, trinken schnell einen Caffè an der Bar und fahren weiter.

Eine italienische Großfamilie kommt auf dem Weg zum öffentlichen Strand. Kinder, Taschen, Handtücher, Frühstück. Niemand scheint es besonders eilig zu haben.

Die Angestellte vom nahegelegenen Hotel Laura kommt mit dem Fahrrad. Sie holt die Semmeln fürs Frühstück im Hotel, verstaut sie in ihrem Fahrradkorb und fährt wieder.

Andere Läufer halten an. Radfahrer. Camper, die keine Lust auf die Schlange vor der Bäckerei auf dem Union Lido haben. Manche davon sieht man so oft, dass aus einem Nicken irgendwann ein kurzes Gespräch wird.

Manchmal treffen wir Ferienfreunde vom Campingplatz.

Dann kommen Menschen von der Wartewiese. Sie haben eine kurze Nacht hinter sich und suchen erst einmal Frühstück und Kaffee. Ein Gespann mit Wohnwagen fährt vor. Die Heimreise hat schon begonnen, aber für Proviant und einen letzten Caffè reicht die Zeit noch.

Ein Lieferwagen hält. Zwei Installateure steigen aus, und für ein paar Minuten wird es eng auf dem Parkplatz.

Hundespaziergänger binden ihre Hunde vor der Bäckerei an.

Dazwischen stehen Autos, bei denen der Lack noch glänzt, und andere, bei denen man schon etwas genauer hinschauen muss, um die ursprüngliche Farbe zu erkennen.

Drinnen arbeiten meistens drei Frauen. Seit Jahren fast dieselben.

Deutsch sprechen sie nicht, abgesehen von ein paar Zahlen und Wörtern, die man in einer Gegend zwangsläufig lernt, die im Sommer fest in deutscher Hand ist. Italienische Stammgäste werden mit Namen begrüßt. Bei uns reicht es gelegentlich für ein Nicken oder ein Lächeln.

In einem Sommer bekam ich offenbar wegen meiner Laufmütze und der großen Brille einen Namen.

Super Mario.

Im nächsten Jahr hörte ich, wie eine der Frauen zur anderen sagte: „Super Mario.“

Damit war klar, dass ich wiedererkannt worden war.

Neben Vianello steht ein Haus mit meistens geschlossenen Fensterläden. Früher kam dort morgens eine alte Frau heraus und kehrte die Treppe. Später war sie seltener zu sehen. Stattdessen kam ein Mann mittleren Alters, der sich offenbar um sie und das Haus kümmerte.

Heute kommt niemand mehr.

Bei Vianello selbst verändert sich weniger.

Die Frauen hinter der Theke arbeiten. Der Gärtner kommt. Die Hotelangestellte holt ihre Semmeln. Jemand bestellt einen Caffè und trinkt ihn im Stehen. Jemand anderes setzt sich für eine halbe Stunde nach draußen.

Man muss dafür nichts Besonderes sein und nichts Besonderes vorhaben.

Der Kaffee kostet nicht viel. Man braucht keine Reservierung. Niemand fragt, ob man arbeiten muss, Urlaub hat, auf dem Weg zum Strand ist oder gerade einen Lastwagen voller Werkzeug auf dem Parkplatz stehen hat.

Man bestellt.

Man trinkt.

Dann geht der Tag weiter.

Oft bestellen wir noch eine zweite Runde Cappuccino.

Nicht weil wir unbedingt noch Kaffee brauchen.

Wir sitzen einfach gerne da.

Irgendwann ist auch der zweite Cappuccino getrunken. Wir nehmen die Semmeltüte und machen uns auf den Rückweg.

Am Sportcamp vorbei, durch die Einfahrt und zurück auf den Union Lido.

Die ersten Schritte sind meistens die schlimmsten.

Nach einer halben Stunde Sitzen haben die Beine beschlossen, dass das Training für heute eigentlich beendet sein könnte.

Aber diese letzten eineinhalb Kilometer sind wir Strava schuldig.