Kennen Sie Christian Schmidt?

Wir kannten ihn nicht mehr. Irgendwo war da die Erinnerung, dass er einmal Bundesminister gewesen war. Dass derselbe Mann heute einer der mächtigsten Politiker Bosnien-Herzegowinas sein sollte, obwohl er Deutscher ist, wussten wir nicht.

Bis wir nach Mostar kamen.

Angie recherchierte über die politische Struktur Bosnien-Herzegowinas und fast als Erstes tauchte eine Nachricht auf. Christian Schmidt hatte seinen Rücktritt als Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina angekündigt. Wir mussten erst einmal nachlesen, was dieses Amt ist.

Und stellten fest, dass es eine erstaunliche Antwort auf einen erstaunlich komplizierten Staat ist.

Das Mostar, das wir nicht erwartet hatten

Dabei hatte uns zunächst etwas ganz anderes beschäftigt.

Vor und während unserer Reise hatten wir über Mostar gelesen. Über eine geteilte Stadt. Über den Krieg. Über den Wiederaufbau der Alten Brücke. Über eine Brücke als Symbol der Versöhnung. Über einen muslimisch geprägten Osten und einen katholisch geprägten Westen.

Kurz gesagt: Wir hatten erwartet, diese Trennung überall zu sehen.

Unser erster Eindruck war ein anderer.

Die Altstadt war voller Menschen. Rund um die Brücke drängten sich Besucher, Straßenmusiker, Souvenirläden und Cafés. Die Brückenspringer warteten auf die nächsten Spenden, bevor sie sich wieder aus zwanzig Metern Höhe in die Neretva stürzten. Aber sobald wir ein paar Schritte weitergingen, wurde es ruhiger.

Von der Terrasse unseres kleinen Cafés direkt an der Brücke konnten wir das Geschehen mit etwas Abstand beobachten. Morgens war die Stadt fast still. Abends leerten sich langsam die Gassen. Dazwischen saßen wir bei Kaffee oder einem Spritz und sahen auf die Brücke.

Vor allem aber hatten wir nicht den Eindruck, ständig zwischen zwei Welten unterwegs zu sein.

Erwartung und Wirklichkeit

Wir hatten Symbolik erwartet. Vielleicht hatten wir nach den falschen Dingen gesucht.

ChatGPT hatte uns auf Unterschiede vorbereitet: mehr Moscheen im Osten, mehr Kirchen im Westen. Die Brücke als Grenze und Verbindung zugleich.

Angie begann irgendwann zu zählen. Wissenschaftlich wurde das nicht. Aber auffällig eindeutig auch nicht. Kirchen gab es auf beiden Seiten. Moscheen ebenfalls. Die Unterschiede waren viel weniger offensichtlich, als wir sie erwartet hatten.

Das heißt nicht, dass sie nicht existieren.

Nur: Sie sprangen uns nicht entgegen.

Ein außergewöhnliches Amt

Und dann kam Christian Schmidt. Je mehr wir über den Hohen Repräsentanten lasen, desto ungewöhnlicher erschien uns dieses Amt.

Ein ausländischer Politiker, der Gesetze erlassen oder ändern kann. Der Entscheidungen aufheben kann. Der im Zweifel das letzte Wort hat. Mitten in Europa. Natürlich hat dieses Amt eine Geschichte. Es entstand nach dem Bosnienkrieg als Teil der internationalen Friedensordnung und sollte helfen, das Land zusammenzuhalten.

Eine Frage blieb: Wenn Mostar auf uns zunächst so friedlich wirkte – warum braucht Bosnien-Herzegowina dann bis heute eine solche Institution?

Wir fanden darauf keine einfache Antwort.

Sichtbar und unsichtbar

Ganz ohne Hinweise blieb unsere Irritation allerdings nicht.

Da war das große Kreuz auf dem Hügel über Mostar. Da war das Wissen um die Kämpfe, die hier gut dreißig Jahre zurückliegen. Und da war das Gefühl, dass man einer Stadt ihre Spannungen vielleicht gar nicht immer ansehen kann.

Christian Schmidts Amt passte nicht in das Bild, das wir von Mostar gewonnen hatten.

Nicht weil wir ihn vorher kannten. Sondern weil dieses Amt zeigte, dass das Land gleichzeitig friedlich wirkt und politisch trotzdem eine ganz und gar außergewöhnliche Ordnung zu benötigen scheint.

Bosnien-Herzegowina ist kein Land, das sich nach zwei Tagen verstehen lässt. In Mostar merkten wir zunächst wenig von der Trennung, über die wir so viel gelesen hatten. Christian Schmidts Amt erinnerte uns daran, dass ein friedlicher Eindruck und eine fragile Ordnung gleichzeitig existieren können.

Dieser Widerspruch blieb von Mostar.