Wir stehen oben auf der Stadtmauer und blicken über die Dächer von Dubrovnik zum Meer. Das ist unser Dubrovnik-Moment: ein Meer aus leuchtend roten Dächern, umschlossen von der Stadtmauer, dahinter das tiefe Blau der Adria.
Kaum ein Dach fällt aus der Reihe. Kein moderner Bruch stört das Bild. Keine Siebziger-Jahre-Bausünde drängt sich hinein. Dubrovnik wirkt von hier oben fast unwirklich geschlossen. Pittoresk, natürlich. Aber auch erstaunlich perfekt.
Dann beginnt Angie, auf einzelne Dächer zu deuten.
„Das ist neu“, sagt sie. „Das auch. Und das.“
Sie zählt, vergleicht, liest später nach. Viele Dächer von Dubrovnik sind nicht alt, sondern nach dem Krieg neu gedeckt worden. Und wenn man genauer hinschaut, sieht man es tatsächlich: Manche leuchten noch einen Tick heller, glatter, frischer als die anderen.
Später machen wir eine Stadtführung. Unser Guide heißt Ivana. Sie zeigt uns die Straße in der Altstadt, in der sie aufgewachsen ist.
„Hier haben wir gewohnt“, sagt sie. „Wir waren drei Monate ohne Strom. Ich war acht. Mein Vater ist mit einem Jagdgewehr in den Krieg gezogen.“
Sie spricht von der Belagerung von Dubrovnik im Jahr 1991. Von Häusern, die beim schweren Angriff am Nikolaustag zerstört wurden. Und sie führt uns zu einer Karte am Pile-Tor, die zeigt, welche Häuser und Dächer während des Krieges getroffen wurden.
Auf der Karte sehen wir später, was Angie schon vermutet hatte: Dieses geschlossene Dachbild ist auch ein Bild des Wiederaufbaus. Große Teile der Altstadt waren damals beschädigt oder getroffen.
Natürlich hatten wir über den Jugoslawienkrieg gelesen. Er begegnete uns auf dieser Reise immer wieder. Trotzdem blieb vieles schwer zu greifen: die Nähe in der Zeit, die vielen Ebenen des Konflikts, die unterschiedlichen Erinnerungen.
1991 — das ist nicht Geschichte im fernen Sinn. Das ist fast Gegenwart.
Dubrovnik wurde wieder aufgebaut, mit internationaler Unterstützung und nach denkmalpflegerischen Vorgaben. Deshalb wirken die Dächer heute so geschlossen. Deshalb strahlt die Stadt von oben wahrscheinlich stärker, als sie es ohne diese Geschichte tun würde.
Das ist ein beinahe paradoxer Gedanke. Eine Stadt wird beschädigt. Die sichtbaren Wunden werden geschlossen. Und Jahrzehnte später stehen Touristen auf der Mauer und bewundern ein Bild von Schönheit, das gerade deshalb so vollkommen wirkt, weil die Brüche auf den ersten Blick kaum noch zu sehen sind.
Das macht den Blick nicht falsch. Schönheit braucht im Augenblick keine Erklärung. Sie darf einfach wirken.
Aber sie hat eine Geschichte.
Wir denken zurück an unseren Dubrovnik-Moment. Der Blick bleibt. Aber unter den roten Dächern liegt mehr als ein schönes Bild.
